Eine Verbindung, vor der ich zurückschreckte
Ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl.
Ich hatte eine Frau kennengelernt, die mir unglaublich wichtig geworden war. Wir hatten über Monate eine Verbindung aufgebaut, einander besucht und uns unsere Länder gezeigt. Es war eine schöne, besondere Zeit.
Eigentlich hätte ich glücklich sein müssen.
Doch je deutlicher mir wurde, wie viel sie mir bedeutete, desto stärker spürte ich etwas, das ich schon aus früheren Beziehungen kannte: Mir wurde eng in der Brust. Ich bekam Angst, meine Freiheit zu verlieren.
Und statt mich darüber zu freuen, dass aus unserer Verbindung etwas Ernstes entstehen konnte, sagte ich ihr, sie solle sich besser einen anderen Mann suchen. Ich sei nicht der Richtige.
Diese Frau war Stephanie, meine heutige Verlobte.
Warum ich damals so reagierte, weshalb ich mich fast eine Woche später wieder bei ihr meldete und wie wir schließlich doch ein Paar wurden, möchte ich dir erzählen. Dafür muss ich aber etwas früher beginnen.
Eine Kindheit zwischen Torf, Gärtnerei und großer Freiheit
Ich bin in Ostfriesland aufgewachsen. Meine Eltern führten einen Gartenbaubetrieb. Wir lebten in einer Straße, in der viele Familien vom Gartenbau geprägt waren. Gefühlt hatte jede Gärtnerfamilie drei Kinder. Wir waren viel draußen und wuchsen, wie ich gerne sage, praktisch mit Torf im Mund auf.
Für uns Kinder gab es viel Raum, die Umgebung zu entdecken. Freiheit war damals kein besonderer Luxus, sondern etwas ganz Selbstverständliches.
Während der Sommermonate herrschte im elterlichen Betrieb Hochsaison. Es wurde viel gearbeitet, und meine Eltern brauchten ihre Energie für den Betrieb. In dieser Zeit verbrachte ich regelmäßig längere Aufenthalte bei meinen Großeltern in Süddeutschland.
Besonders die Tage mit meinem Großvater im Schwarzwald sind mir in Erinnerung geblieben. Wir waren zusammen in der Natur unterwegs, streiften durch die Wälder und entdeckten die Umgebung. Es waren Momente, in denen ich mich frei und unabhängig fühlte.
Später, als Jugendlicher in Ostfriesland, war mein Fahrrad für mich fast schon ein Symbol dieser Freiheit. Ich konnte Freunde besuchen, losfahren und selbst bestimmen, wie ich meinen Tag verbrachte.
Mit 16 Jahren ging ich nach Argentinien und lebte dort eine Zeit lang. In einem anderen Land zu sein, eine fremde Sprache und Kultur kennenzulernen und ohne das gewohnte Umfeld zurechtzukommen, ließ mich früh mehr Verantwortung für mich übernehmen. Ich mochte es, meinen eigenen Weg zu gehen.

Wenn Unabhängigkeit auch heißt, funktionieren zu müssen
Meine Kindheit hatte allerdings nicht nur diese unbeschwerte Seite.
Die Selbstständigkeit meiner Eltern brachte Verantwortung und wirtschaftlichen Druck mit sich. Ein eigener Betrieb lässt sich nicht einfach nach Feierabend abschalten. Meine Eltern hatten viele Herausforderungen zu bewältigen.
Ich lernte dadurch auch, dass es manchmal notwendig ist, selbstständig zu sein und Dinge mit sich selbst auszumachen. Später geriet der Familienbetrieb in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die schließlich zu seiner Aufgabe führten. Das war für uns als Familie ein einschneidendes Erlebnis.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, sehe ich deshalb zwei Seiten: Auf der einen Seite die vielen positiven Freiheitserfahrungen. Auf der anderen Seite das frühe Gefühl, für sich selbst verantwortlich zu sein und funktionieren zu müssen.
Ich möchte daraus keine einfache psychologische Erklärung für mein späteres Verhalten ableiten. Menschen sind dafür zu komplex. Aber ich erkenne Zusammenhänge, die mir früher nicht bewusst waren.
Unabhängigkeit war für mich zu einem sehr hohen Gut geworden.
Ein Ingenieur, der Menschen verstehen wollte
Ich studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Bielefeld und absolvierte anschließend einen Master of Science in Sales Engineering and Product Management an der Ruhr Universität Bochum. Während meines Studiums arbeitete ich unter anderem bei Daimler und Ortlinghaus, später bei WAGO im technischen Vertrieb und Key Account Management.
Ich mochte es, Probleme strukturiert zu betrachten und Zusammenhänge zu analysieren. Gleichzeitig interessierten mich schon immer Menschen, andere Kulturen und die Frage, weshalb wir handeln, wie wir handeln.
In meinem eigenen Beziehungsleben bemerkte ich, dass dieses Verstehen schwieriger war als bei technischen Aufgaben.
Ich konnte eine Frau kennenlernen, mich mit ihr wohlfühlen und mir Nähe wünschen. Sobald die Verbindung verbindlicher wurde, veränderte sich häufig etwas in mir. Auf einmal dachte ich an meine Freiheit, an Erwartungen und daran, was ich vielleicht aufgeben müsste.
Ein Teil von mir wollte Nähe. Ein anderer wollte Abstand.
Ich war selbst der Mann, der sich zurückzog
Das ist kein Teil meiner Geschichte, auf den ich stolz bin.
Ich habe früher Beziehungen erlebt, in denen ich Interesse zeigte, Nähe zuließ und mich später wieder zurückzog. Nicht immer, weil ich nichts empfand. Mitunter gerade deshalb, weil mir eine Verbindung emotional wichtiger wurde.
Statt meine Unsicherheit verständlich anzusprechen, schuf ich Distanz. Ich habe dadurch Menschen verletzt.
Für den anderen Menschen muss das oft schwer zu verstehen gewesen sein: Wie kann jemand zunächst Nähe suchen und dann plötzlich auf Abstand gehen?
Heute ordne ich viele dieser Reaktionen als vermeidendes Bindungsverhalten ein. Damals kannte ich vor allem das unangenehme Gefühl, aus dem ich herauswollte.
Bis ich Stephanie kennenlernte.
Dann kam Stephanie
Wir lernten uns während eines Aufenthalts in Barcelona kennen. Stephanie stammt aus Irland und lebte damals in Manchester, während ich in Deutschland wohnte.
Wir blieben in Kontakt, besuchten uns, lernten unsere Lebenswelten kennen. Sie zeigte mir England, ich zeigte ihr Deutschland. Aus einer zunächst unverbindlichen Begegnung wurde Schritt für Schritt etwas, das mir viel bedeutete.
Über einen Zeitraum von ungefähr 13 Monaten entwickelte sich unsere Kennenlernphase. Anfangs war vieles leicht und ungezwungen. Doch je wichtiger Stephanie mir wurde, desto stärker meldete sich mein altes Muster.
Da war sie wieder, diese Angst, meine Freiheit verlieren zu können.
Ich merkte die Anspannung regelrecht körperlich. Mir wurde eng in der Brust. Und mein vertrauter Reflex lautete: Geh auf Abstand.

Als ich beinahe alles beendet hätte
Ich sagte Stephanie, dass ich nicht der Richtige für sie sei. Sie solle sich besser einen anderen Mann suchen.
Damals fühlte sich das für mich wie ein Ausweg aus einer Situation an, die emotional immer wichtiger und damit auch beängstigender wurde.
Stephanie reagierte mit einer Klarheit, die ich sehr an ihr bewundere. Sie akzeptierte meine Entscheidung. Zugleich machte sie deutlich, dass sie keine unverbindliche Option sein wollte. Wenn ich mich nicht einlassen konnte, würde sie ihren eigenen Weg gehen.
In den folgenden Tagen ließ mich eine Frage nicht los: Hatte ich gerade eine Verbindung beendet, weil sie nicht richtig war? Oder war ich wieder vor meinen eigenen Gefühlen weggelaufen?
Ich dachte an unsere gemeinsame Zeit und merkte, dass ich gerade dabei war, einen Menschen zu verlieren, der mir sehr wichtig geworden war.
Fast eine Woche später meldete ich mich erneut bei Stephanie.
Ein Flug nach Manchester und eine bewusste Entscheidung
Ich wusste nicht, wie sie reagieren würde. Doch ich wollte nicht einfach weiter meinem Rückzugsimpuls folgen.
Schließlich flog ich nach Manchester. Dieser Flug markierte den Beginn unserer verbindlichen Beziehung.
Er war für mich ein Wendepunkt, aber keine magische Lösung. Ich hatte damit nicht alle meine Bindungsmuster überwunden. Ich begann jedoch zu verstehen, dass meine Angst vor Freiheitsverlust nicht automatisch bedeutete, dass die Beziehung falsch war.
Stephanie und ich wurden ein Paar.
Als ich später die andere Seite kennenlernte
Im weiteren Verlauf unserer Beziehung erlebten wir schöne gemeinsame Jahre, aber auch schwierige Phasen. Irgendwann kam es zu einer ernsthaften Krise und einer zwischenzeitlichen Trennung.
Diesmal stand ich auf der anderen Seite. Ich war nicht mehr nur der Mann, der selbst Abstand herstellte. Ich erlebte Verlustangst, Unsicherheit und die Sorge, einen wichtigen Menschen endgültig zu verlieren.
Ich wollte verstehen, was zwischen uns geschehen war und ob wir wieder zueinanderfinden könnten. Dabei reagierte ich nicht immer so, wie ich es heute für sinnvoll halten würde.
Aber gerade diese Erfahrung brachte mich dazu, meine Muster und meinen Umgang mit Beziehungen grundsätzlich neu zu hinterfragen.
Ich hatte den Impuls kennengelernt, sich bei zu viel Nähe zurückzuziehen. Jetzt verstand ich auch besser, wie schmerzhaft es ist, wenn ein geliebter Mensch sich entfernt.
Einsicht ist noch keine Veränderung
Ich beschäftigte mich zunehmend intensiv mit Bindungsdynamiken, nahm therapeutische Begleitung und verschiedene Coachings in Anspruch und reflektierte meine eigenen Erfahrungen.
Mich interessierte, weshalb manche Reaktionen so vertraut erscheinen, selbst dann, wenn sie unseren Beziehungen nicht guttun.
Eine Erkenntnis wurde dabei besonders wichtig: Ein Muster zu verstehen heißt noch nicht, es verändert zu haben.
Du kannst rational wissen, dass emotionale Nähe nicht bedeutet, deine Eigenständigkeit zu verlieren. Trotzdem kann dein Körper in einem herausfordernden Moment wieder mit Anspannung reagieren.
Deshalb ging es für mich nicht nur darum, neue Erklärungen zu finden. Ich wollte lernen, Gefühle bewusster wahrzunehmen, Unsicherheit anders zu regulieren, Bedürfnisse offen anzusprechen und Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen.
Das war ein Prozess, kein einzelner Schalter.
Ein Muster zu verstehen heißt noch nicht, es verändert zu haben.
Von vermeidendem zu sichererem Bindungsverhalten
Stephanie und ich fanden wieder zueinander. Heute sind wir seit fast zehn Jahren miteinander verbunden und verlobt.
Unsere Beziehung ist nicht deshalb wertvoll, weil sie perfekt wäre. Sie ist es auch, weil wir uns darin als Menschen weiterentwickelt haben.
Ich habe gelernt, Nähe und Eigenständigkeit nicht mehr als grundsätzliche Gegensätze zu betrachten. Ich kann eine verbindliche Partnerschaft führen, ohne meinen eigenen Weg aufzugeben.
Wenn ich von meiner Entwicklung spreche, meine ich deshalb nicht, dass ich irgendwann endgültig „geheilt“ gewesen wäre. Ich meine, dass ich heute sicherer mit Nähe, Verbindlichkeit und meinen eigenen Reaktionen umgehen kann und dass das Aufmerksamkeit und Verantwortung erfordert.
Von Gesprächen im Freundeskreis zu Amoradvice
Schon während meiner Tätigkeit als Vertriebsingenieur tauschte ich mich mit Freunden und Bekannten über Beziehungen aus.
Mich faszinierte, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Situation erleben können. Für eine Person bedeutet eine Nachricht Nähe. Eine andere empfindet sie als Druck. Einer möchte bei Unsicherheit reden, der andere braucht zunächst Abstand.
2021 gründete ich Amoradvice. Parallel zum Unternehmensaufbau vertiefte ich meine fachlichen Kenntnisse durch eine Fachausbildung zum systemischen Coach und Paarberater am Institut für Bildungscoaching und später durch eine Fachausbildung in systemischer Traumatherapie an den Deutschen Paracelsus Schulen für Naturheilverfahren.
Aus einer persönlichen Beschäftigung wurde eine berufliche Aufgabe. Heute findet die Arbeit bei Amoradvice im Team und mit strukturierter Reflexion statt.
Was ich heute über Beziehungen denke
Ich erzähle dir meine Geschichte nicht, weil ich glaube, damit jede Beziehung erklären zu können.
Nicht jeder Rückzug ist Bindungsangst. Nicht jede Trennung sollte rückgängig gemacht werden. Und niemand kann allein entscheiden, was ein anderer Mensch fühlt oder ob er eine Beziehung fortsetzen möchte.
Ich glaube aber, dass es möglich ist, die eigenen Muster besser zu verstehen und schrittweise zu verändern. Dafür müssen wir den Blick auch auf unser eigenes Verhalten richten.
Für mich bedeutet eine gute Beziehung heute nicht, die persönliche Freiheit aufzugeben. Sie bedeutet, Nähe und Eigenständigkeit miteinander vereinbaren zu können und dort Verantwortung zu übernehmen, wo das eigene Verhalten einen anderen Menschen berührt.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis meiner Geschichte.


